|
|
| Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen |
| Autor |
Nachricht |
jenny Administrator

Anmeldungsdatum: 02.03.2005 Beiträge: 5112 Wohnort: Krefeld
|
Verfasst am: 24.09.2009, 16:24
Titel: An die Märchentanten unter euch.... |
|
|
Mein Prinzesschen liebt natürlich Märchen und nach wie vor kann sie stundenlang zuhören. Also hab ich ihr kürzlich eine CD gekauft "Die schönsten Prinzessinnenmärchen".
Dadrauf ist ein Märchen zu hören, wo ich verzweifelt nach Moral und Lehre suche, kann da mal jemand helfen, bitte!
Die drei Spinnerinnen
Es war ein Mädchen faul und wollte nicht spinnen, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, sie konnte es nicht dazu bringen. Endlich übermannte die Mutter einmal Zorn und Ungeduld, dass sie ihm Schläge gab, worüber es laut zu weinen anfing. Nun fuhr gerade die Königin vorbei, und als diese das Weinen hörte, ließ sie anhalten, trat in das Haus und fragte die Mutter, warum sie ihre Tochter schlüge, dass man draußen auf der Straße die Schreie höre. Da schämte sich die Frau, dass sie die Faulheit ihrer Tochter offenbaren sollte, und sprach "Ich kann sie nicht vom Spinnen abbringen, sie will immer und ewig spinnen, und ich bin arm und kann den Flachs nicht herbeischaffen." Da antwortete die Königin: "Ich höre nichts lieber als spinnen, und bin nicht vergnügter, als wenn die Räder schnurren - gebt mir Eure Tochter mit ins Schloss, ich habe Flachs genug, da soll sie spinnen, soviel sie Lust hat." Die Mutter war's von Herzen gern zufrieden, und die Königin nahm das Mädchen mit. Als sie ins Schloss gekommen waren, führte sie es hinauf zu drei Kammern, die lagen von unten bis oben voll vom schönsten Flachs. "Nun spinn mir diesen Flachs"' sprach sie, "und wenn du es fertig bringst, sollst du meinen ältesten Sohn zum Gemahl haben; bist du gleich arm, so acht' ich nicht darauf; dein unverdrossener Fleiß ist Ausstattung genug." Das Mädchen erschrak innerlich; denn es konnte den Flachs nicht spinnen, und wär's dreihundert Jahre alt geworden und hätte jeden Tag vom Morgen bis Abend dabei gesessen. Als es nun allein war, fing es an zu weinen, und saß so drei Tage ohne die Hand zu rühren. Am dritten Tage kam die Königin, und als sie sah, dass noch nichts gesponnen war, verwunderte sie sich; aber das Mädchen entschuldigte sich damit, dass es vor großer Betrübnis über die Entfernung aus seiner Mutter Hause noch nicht hätte anfangen können. Das ließ sich die Königin gefallen, sagte aber beim Weggehen: "Morgen musst du mir anfangen zu arbeiten."
Als das Mädchen wieder allein war, wusste es sich nicht zu raten und zu helfen, und trat in seiner Betrübnis ans Fenster. Da sah es drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß, die zweite hatte eine so große Unterlippe, dass sie über das Kinn herunterhing, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben vor dem Fenster stehen, schauten hinauf und fragten das Mädchen, was ihm fehle. Es klagte ihnen seine Not, da trugen sie ihm ihre Hilfe an und sprachen: "Willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schämen und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen und das in kurzer Zeit." - "Von Herzen gern" antwortete es, "kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an." Da ließ es die drei seltsamen Weiber herein und machte in der ersten Kammer eine Lücke, wo sie sich hinsetzten und ihr Spinnen anhuben. Die eine zog den Faden und trat das Rad, die andere netzte den Faden, die dritte drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und so oft sie schlug, fiel eine Zahl Garn auf die Erde, und das war aufs feinste gesponnen. Vor der Königin aber verbarg das Mädchen die drei Spinnerinnen und zeigte ihr, so oft sie kam, die Menge des gesponnenen Garns, dass diese des Lobes kein Ende fand. Als die erste Kammer leer war, ging's an die zweite, endlich an die dritte, und die war auch bald aufgeräumt. Nun nahmen die drei Weiber Abschied und sagten zum Mädchen: "Vergiss nicht, was du uns versprochen hast, es wird dein Glück sein."
Als das Mädchen der Königin die leeren Kammern und den großen Haufen Garn zeigte, richtete diese die Hochzeit aus, und der Bräutigam freute sich, dass er eine so geschickte und fleißige Frau bekäme und lobte sie gewaltig. "Ich habe drei Basen", sprach das Mädchen, "und da sie mir viel Gutes getan haben, möchte ich sie nicht gern in meinem Glück vergessen; erlaubt doch, dass ich sie zu der Hochzeit einlade und dass sie mit am Tische sitzen." Die Königin und der Bräutigam sprachen: "Warum sollen wir das nicht erlauben?" Als nun das Fest anhob, traten die drei Jungfern in wunderlicher Tracht herein, und die Braut sprach: "Seid willkommen, liebe Basen!" - "Ach", sagte da der Bräutigam, "wie kommst du zu der garstigen Freundschaft?" Darauf ging er zu der einen mit dem breiten Platschfuß und fragte: "Wovon habt Ihr einen solchen breiten Fuß?" - "Vom Treten", antwortete sie, "vom Treten." Da ging der Bräutigam zur zweiten und sprach: "Wovon habt Ihr nur die herunterhängende Lippe?" - "Vom Lecken", antwortete sie, "vom Lecken." Da fragte er die dritte: "Wovon habt Ihr den breiten Daumen?" - "Vom Fadendrehen", antwortete sie, "vom Fadendrehen." Da erschrak der Königssohn und sprach: "So soll mir nun und nimmermehr meine schöne Braut ein Spinnrad anrühren." Damit war sie das böse Flachsspinnen los. _________________ Niveau ist keine Gesichtscreme und Stil nicht der obere Teil des Besens......
Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden.
jenny |
|
| Nach oben |
|
 |
Ima
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 21.03.2007 Beiträge: 1471 Wohnort: Berlin
|
Verfasst am: 24.09.2009, 16:52
Titel: |
|
|
Komische Geschichte, ich verstehe auch nicht, was da so belehrend/moralisch sein soll... Das einzig "pseudo-"moralische, dass ich hier herauslesen kann, ist: Halte Deine Versprechen, dafür wirst Du dann auch belohnt... Aber in Bezug auf die Tatsache, dass das Mädchen faul ist und die drei Spinnerinnen diese Faulheit praktisch unterstützen und dass durch Halten des Versprechens, dass die 3 zur Hochzeit eingeladen werden, ihr diese (lästige) Aufgabe gänzlich genommen wird.... Weiß nicht...
Woran es mich aber erinnert hat: Ich musste da sofort an die Moiren denken, dass sind die drei (!!) griechischen Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden spinnen und sich diese Aufgabe dabei teilen... Oft sind ja Legenden des Altertums durch die Zeit und durch christliche "Assimilierung" (klingt vllt ein bisschen hart, das Wort, mir fiel da aber grad nichts ein) verändert worden, so dass von der moralischen oder erzieherischen Botschaft nicht viel übrig bleibt... Ob das hier aber der Fall ist, keine Ahnung, wahrscheinlich ist der Bezug etwas an den Haaren herbeigezogen; bin doch so eine griech. Mythologie-Besessene und das war einfach meine erste Assoziation...... _________________ Ima |
|
| Nach oben |
|
 |
joeymc Sponsor 2010/2011

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 17.09.2009 Beiträge: 1539 Wohnort: Hessen
|
Verfasst am: 24.09.2009, 18:32
Titel: |
|
|
Naja, modern-ökonomisch vielleicht: delegiere ungeliebte Arbeiten an Leute, die etwas davon verstehen, kümmere dich aber auch angemessen um deine Mitarbeiter, auch wenn sie ihre Schwächen haben?
Mir gefallen aber die drei Spinnerinnen besser - es gibt sie auch als Nornen in der nordischen Mythologie (Urd, Verdandi und Skuld, das Gewordene, das Seiende und das Werdende), sie bestimmen - wie im Märchen - das Schicksal eine Menschen. Vielleicht hat es tatsächlich einen so archaischen Ursprung?  _________________ veni, lusi, fugi
(Ich kam, scherzte und floh - mein Sohn Nr 1 (mit damals 13) über die Schule ) |
|
| Nach oben |
|
 |
jenny Administrator

Anmeldungsdatum: 02.03.2005 Beiträge: 5112 Wohnort: Krefeld
|
Verfasst am: 24.09.2009, 18:41
Titel: |
|
|
hm... und wie erklär ich das meiner 5-jährigen?? _________________ Niveau ist keine Gesichtscreme und Stil nicht der obere Teil des Besens......
Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden.
jenny |
|
| Nach oben |
|
 |
azalee
Anmeldungsdatum: 07.06.2005 Beiträge: 99 Wohnort: Main-Tauber-Kreis
|
Verfasst am: 24.09.2009, 18:42
Titel: |
|
|
Hach, ist das ein herrliches Anti-Märchen, genauso originell wie damals das Rotkäppchen, dass schlussendlich seine Magnum zog, und den Wolf alleine erledigte.
Köstlich  _________________ Liebe Grüße azalee
mit Elfe (*3/00) und Troll (*5/06) |
|
| Nach oben |
|
 |
Ima
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 21.03.2007 Beiträge: 1471 Wohnort: Berlin
|
Verfasst am: 24.09.2009, 18:53
Titel: |
|
|
| azalee hat folgendes geschrieben: |
Hach, ist das ein herrliches Anti-Märchen, genauso originell wie damals das Rotkäppchen, dass schlussendlich seine Magnum zog, und den Wolf alleine erledigte.
Köstlich  |
GRINS... an ein Anti-Märchen hab ich gar nicht gedacht, dabei hatte ich als Kind ein paar Bücher damit... aber ich find die Geschichte hier fast zu doof, als d. sie ein Anti-Märchen sein könnte, aber vllt ja doch.......
Nun Jenny, ich glaub, wn Du Deiner Prinzessin erklärst, wie alt Legenden sein können bzw. wie sie sich im Laufe der Zeiten ändern können, und ihr dann eben die dazu passende griechische, nordische oder römische oder oder oder Legende erzählst, wird sie bestimmt gefesselt sein... Ist doch unheimlich spannend so etwas... Und im Endeffekt könntest Du dann daraus sogar (wenn es denn Deine Süße interessiert und sie nachfragt) eine Art Geschichts-Stunde (Altertum etc) oder Religions-Stunde (alte Religionen bzw, warum die Menschen Schicksalsgöttinnen brauchten/hatten) machen... Auf jeden Fall hast Du hier eine Menge Stoff für neugierige Kinderchen  _________________ Ima |
|
| Nach oben |
|
 |
jenny Administrator

Anmeldungsdatum: 02.03.2005 Beiträge: 5112 Wohnort: Krefeld
|
Verfasst am: 24.09.2009, 19:06
Titel: |
|
|
Es ist Grimms Märchen Nummer 14, also nicht irgendein Antimärchen...
Aber ich hab grad eine Version gefunden, die für mich viel mehr Sinn macht:
Von dem bösen Flachspinnen.
Vorzeiten lebte ein König, dem war nichts lieber auf der Welt als Flachsspinnen, und die Königin und seine Töchter mußten den ganzen Tag spinnen, und wenn er die Räder nicht schnurren hörte, war er böse. Einmal mußte er eine Reise machen, und ehe er Abschied [48] nahm, gab er der Königin einen großen Kasten mit Flachs und sagte: „der muß gesponnen seyn, wann ich wieder komme.“ Die Prinzessinnen wurden betrübt und weinten: „wenn wir das alles spinnen sollen, müssen wir den ganzen Tag sitzen und dürfen nicht einmal aufstehen.“ Die Königin aber sprach: „tröstet euch, ich will euch schon helfen.“ Da waren im Lande drei besonders häßliche Jungfern, die erste hatte eine so große Unterlippe, daß sie über das Kinn herunterhing, die zweite hatte an der rechten Hand den Zeigefinger so dick und breit, daß man drei andere Finger hätte daraus machen können, die dritte hatte einen dicken breiten Platschfuß, so breit wie ein halbes Kuchenbrett. Die ließ die Königin zu sich fordern und an dem Tage, wo der König heim kommen sollte, setzte sie alle drei nebeneinander in ihre Stube, gab ihnen ihre Spinnräder und da mußten sie spinnen, auch sagte sie einer jeden, was sie auf des Königs Fragen antworten solle. Als der König anlangte, hörte er das Schnurren der Räder von weitem, freute sich herzlich und gedachte seine Töchter zu loben. Wie er aber in die Stube kam und die drei garstigen Jungfern da sitzen sah, erschrack er erstlich, dann trat er hinzu und fragte die erste, woher sie die entsetzlich große Unterlippe habe? „vom Lecken, vom Lecken!“ Darauf die zweite, woher der [49] dickte Finger? „vom Faden drehen, vom Faden drehen und umschlingen!“ dabei ließ sie den Faden ein paarmal um den Finger laufen. Endlich die dritte: woher den dicken Fuß? „vom Treten, vom Treten!“ wie das der König hörte, befahl er der Königin und den Prinzessinnen, sie sollten nimmermehr ein Spinnrad anrühren und so waren sie ihrer Qual los. _________________ Niveau ist keine Gesichtscreme und Stil nicht der obere Teil des Besens......
Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden.
jenny |
|
| Nach oben |
|
 |
SilR

Anmeldungsdatum: 07.03.2005 Beiträge: 1998 Wohnort: Hessen
|
Verfasst am: 24.09.2009, 19:16
Titel: |
|
|
| ich wollte schon sagen - irgendwoher kommt es mir bekannt vor |
|
| Nach oben |
|
 |
eva Quiz-Gewinnerin

Anmeldungsdatum: 02.03.2005 Beiträge: 1137 Wohnort: Österreich
|
Verfasst am: 24.09.2009, 19:29
Titel: |
|
|
| Zitat: |
| Hach, ist das ein herrliches Anti-Märchen, genauso originell wie damals das Rotkäppchen, dass schlussendlich seine Magnum zog, und den Wolf alleine erledigte. |
Ich weiß jetzt nicht genau, woher ich das Märchen kenne, aber meines Wissens ist es schon eines der alten (inzwischen was gefunden "Die drei Spinnerinnen").
Bei "Frau Holle" habe ich gelesen, dass die Figur germanischen (vielleicht auch keltischen) Ursprungs sein soll und die Geschichte so etwas wie eine schamanische Reise in die "Anderswelt" (die dem einen Mädchen dank seiner Disziplin gelingt, dem anderen aber nicht).
Vielleicht steckt bei den drei Spinnerinnen etwas Ähnliches dahinter.
eva _________________ eva |
|
| Nach oben |
|
 |
NinaHH Sponsor 2010/2011
Anmeldungsdatum: 24.01.2007 Beiträge: 1033 Wohnort: Hamburg
|
Verfasst am: 24.09.2009, 19:56
Titel: |
|
|
Ist doch eigentlich ganz schön, wenn so'n Mädel damit durchkommt, sich nicht an die Normen zu halten und brav in der Kammer vor sich hin zu spinnen. Sie ist zwar "faul", aber es gibt eben noch wichtigere Tugenden als Fleiß (was allerdings sehr ungewöhnlich ist für ein Mädchen im Märchen), nämlich Treue und Redlichkeit (Versprechen halten).
Nun gut, als feministisches Märchen kann es nicht durchgehen, dann wäre der Prinz nicht der Preis - aber ich finde es sehr erfrischend, dass auch mal ein nicht ganz so braves Mädel als glückliche Heldin endet.
LG von Nina |
|
| Nach oben |
|
 |
grünergeist Quiz-Gewinnerin

Anmeldungsdatum: 21.05.2005 Beiträge: 2644
|
Verfasst am: 25.09.2009, 08:15
Titel: |
|
|
Das ist das urkapitalistische Märchen: Sei faul und laß andere für dich arbeiten und sieh zu, daß du dich bei den Reichen einschleimst, dann darfst du reich werden und die anderen dürfen weiter für dich arbeiten. _________________ Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. [George Orwell]
grünergeist |
|
| Nach oben |
|
 |
|
|
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
|
|
|