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Syringa
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 14.01.2012 Beiträge: 117 Wohnort: Elbflorenz
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Verfasst am: 10.12.2014, 10:09
Titel: Höflichkeit altmodisch? |
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Neulich begegnete ich gemeinsam mit meinem Sohn im Schulhaus dem Schuldirektor. Wir grüßten uns selbstverständlich, aber Pfiffikus blieb stumm.
Das hat mir mißfallen, denn eigentlich weiß Pfiffikus, daß er zu grüßen hat und warum. Grundlegende Benimmregeln wie "jung grüßt alt zuerst", "Mann grüßt Frau zuerst" usw. sind in unserer Familie und in unserem Umfeld normalerweise ganz selbstverständlich gelebte Alltagskultur. Auf so etwas lege ich auch Wert, genauso wie auf Pünktlichkeit usw. Also habe ich Pfiffikus darauf angesprochen, warum er nicht gegrüßt hat. Seine Antwort hat mir fast die Sprache verschlagen:
"Ich habe das schon mal eine Weile lang gemacht, aber dafür bin ich von den anderen immer ausgelacht worden... Sowas [also grüßen] macht hier kein Kind!"
Bin ich von gestern? Bin ich in meiner Erziehung und in meinen Wertvorstellungen tatsächlich so antiquiert? Ist es altmodisch zu verlangen, daß ein Grundschüler die Lehrer und den Direktor grüßt? Was ist mit unserer Gesellschaft passiert? Ist der Werteverfall schon so weit vorangeschritten? Ich verstehe es nicht - da wird ein Kind von seinen Alterskameraden gehänselt und ausgelacht, nur weil es grundlegende Höflichkeitsregeln anwendet? Wird das denn den anderen Kindern im Elternhaus nicht mehr beigebracht? Ich muß wirklich von gestern sein, wenn ich es als normal erachte und von meinen Kind verlange, daß es grüßt...
Und nun? Wenn ich darauf bestehe, daß er dennoch grüßt, laufe ich dann Gefahr, daß das Auslachen in Mobbing mündet? Verlange ich damit von meinem Kind, daß es sich selbst in eine Außenseiterrolle manövriert? Soll ich ihn von nun an das Gegenteil dessen lehren, was ich sonst immer für gut geheißen habe? Soll ich sagen "nein, natürlich brauchst du nun nicht mehr zu grüßen, wenn du dafür ausgelacht wirst"? _________________ LG, Syringa und Pfiffikus (03/08 ) |
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ripley
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 15.05.2010 Beiträge: 912 Wohnort: RLP
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Verfasst am: 10.12.2014, 13:37
Titel: |
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Ich denke, ein pfiffiger (!) Pfiffikus kann auch sechsjährig lernen, dass in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten u.U. auch mal differierende Konventionen gelten und dass die LETZTE Entscheidung, welches "richtig" man nun wählt (richtig für die Eltern oder richtig für die Altersgenossen) immer bei einem selbst liegt.
Zum Thema Grüßen/Höflichkeit speziell ...
Einerseits hab ich selbst mir diese Dinge mühsam im Adoleszenz- bzw. Erwachsenenalter "draufschaffen" müssen (in meiner Kindheit war keiner da, der mir das beigebracht hätte) und weiß daher wie wichtig die - idealerweise "automatische" Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen ist.
Andererseits ...
Du schriebst, Ihr wart in der Schule.
Grundschule, richtig? Ich stelle mir jetzt ein Grundschule mit ... sagen wir 200 bis 300 Kindern und vielleicht 20 bis 30 Lehrern vor. Pausenzeit. Alle Kinder sowie gut die Hälfte der Lehrer sind nun unterwegs. Rein oder raus oder nur von Raum A nach Raum B.
Wenn jetzt JEDES Kind JEDEN Lehrer, dem es begegnet, ordentlich grüßt (und der Lehrer, gut erzogen, wie er ja ist, auch zurückgrüßt!) ... boah, das stelle ich mir für alle (!) Beteiligten ziemlich anstrengend vor.
So gesehen ... trifft Kind AUSSERHALB der Schule auf einen Lehrer, so finde ich Grüßen tatsächlich wichtig. IN der Schule aber, wo man sich eh dauernd übern Weg läuft? Kann man glaub ich lockerer sehen. _________________ LG
Ellen |
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Syringa
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 14.01.2012 Beiträge: 117 Wohnort: Elbflorenz
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Verfasst am: 10.12.2014, 14:35
Titel: |
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Dann bin ich doch sehr altmodisch.
Als ich in der Schule war (und wir waren auch so 200-300 Schüler in der Grundschule), da war das völlig normal, daß jeder Schüler jeden Lehrer grüßte. Natürlich nicht jeden Lehrer in jeder Pause - nein, die Personen, die man bspw. früh vor dem Unterricht schon gesehen und gegrüßt hatte, die braucht man natürlich in der Hofpause nicht nochmal grüßen. Aber einen Lehrer, den man in der Hofpause zum ersten Mal sieht, der wurde selbstverständlich gegrüßt.
Die beschriebene Situation war nachmittags, da war kaum ein Kind in der Schule, und es war der "Erstkontakt" zwischen meinem Sohn und dem Direktor an diesem Tag...
Ich halte es einfach für verdammt unhöflich, wenn ein Kind eine erwachsene Person, die es kennt und zu der es in einer bestimmten Beziehung steht, nicht grüßt. Erst recht, wenn es so etwas wie eine Respektsperson ist. Aber das scheint heute nicht mehr unhöflich, sondern ganz normal zu sein - wenn ein Kind schon ausgelacht wird, wenn es das trotzdem macht...
Oh, oh, da bin ich aber sehr, sehr gefordert, wenn ich mich einfach so damit abfinden soll. Das fällt mir sehr schwer, das gebe ich zu.
(Ich halte es übrigens genauso für befremdlich, wenn Pfiffikus' Schulfreude, die schon oft bei uns waren, mit am Familientisch saßen, in Unterhaltungen und Gespräche eingebunden waren, am nächsten Tag auf der Straße so tun, als würden sie mich nicht kennen - sprich, mir zwar offen in die Augen gucken, aber wort- und grußlos vorbeigehen. Für meine Begriffe gehört sich das einfach nicht. Wenn ich mich als Kind so verhalten hätte, dann hätte meine Mutter schneller davon gewußt, als mir hätte lieb sein können. Es gab zu meiner Schulzeit übrigens auch Einträge ins HA-Heft, wenn ein Kind wiederholt die Lehrer nicht gegrüßt hat. Wobei ich den heutigen Kindern keinen "Vorwurf" mache, denn woher sollen sie's wissen, wenn es ganz offenbar niemand für nötig hält, ihnen so etwas beizubringen...) _________________ LG, Syringa und Pfiffikus (03/08 )
Zuletzt bearbeitet von Syringa am 10.12.2014, 15:45, insgesamt einmal bearbeitet |
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grünergeist Quiz-Gewinnerin

Anmeldungsdatum: 21.05.2005 Beiträge: 2644
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Verfasst am: 10.12.2014, 15:14
Titel: |
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Ich bin auch sehr altmodisch. Ich habe festgestellt, dass die Kinder heute Vieles, was wir so selbstverständlich nebenbei mitgekriegt haben, direkt und gezielt lernen müssen, weil z.B. Höflichkeit oder Alltagsbildung im allgemeinen nicht mehr selbstverständlich erlebt wird.
Gerade im Umgang mir Älteren leben die Kinder offenbar in einer abgetrennten Welt. Hier schicken sie jetzt irgendwo alte Leute in die Grundschulen, damit die Kinder auch mal Leuten weit über 70 reden, das kennen ganz viele nicht. Das hat mich echt schockiert.
Da sind wir "bildungsbeflissenen" Eltern tatsächlich gefragt, wenn uns das wichtig ist. So erkläre ich geistlein viele Metaphern oder auch Zitate, Sprichwörter, die sie vielleicht noch verzerrt aus der Werbung kennt, aber im Original noch nie gehört hat.
Geistlein liest (und lernt) gerade "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" und wird wahrscheinlich ihrem Deutschlehrer damit höllisch auf den Wecker gehen, weil der vieles auch nicht mehr richtig gebraucht.
Aber "cool" ist das nicht, zur Anpassung unterlässt ein Kind das besser.
Dabei kann bildung echt witzig sein: Gestern kam ein Bericht über Datenschutz, in dem jemand sagte, dass die Daten"schutz"erklärung eines Internetproduktes wegen der Einschränkungen länger sei als "Hamlet". geistlein prompt darauf: "Da ist etwas faul im Staate Bundesrepublik" _________________ Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. [George Orwell]
grünergeist |
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Online Sponsor 2010/2011
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 07.07.2008 Beiträge: 763 Wohnort: Sachsen
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Verfasst am: 11.12.2014, 08:34
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Mir fehlt sofort folgende Begegnung ein:
Unser Kind kam ans Gymnasium und stellte entsetzt fest: ".... die Lehrer grüßen gar nicht zurück..." _________________ LG Anja
"Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt." - Aus Uganda |
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blaue elise Sponsor

Anmeldungsdatum: 31.07.2005 Beiträge: 1098 Wohnort: irgendwo im Rheinland
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Verfasst am: 16.12.2014, 10:52
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Oh ja die Höflichkeit....
stehe vor dem gleichen Problem. Mache ich mein Kind zum Außenseiter oder lasse ich es laufen.
In unserem GS- Sekretariat dürfen Kinder erst ihr Begehren vortragen, wenn sie geklopft und gegrüßt haben. Da geht so manches Kind wieder vor die Tür um einen neuen Anlauf zu nehmen.
Auch sehr nett:
2.Klasse Wichtelkalender: Kind ruft laut in die Klasse:" Das sind ja keine Original-Bänder. So etwas benutze ich nicht! Die verkauf ich!"
Autsch! Und wir reden hier von einer GS im akademischen Viertel.
Wie heißt es so schön: Höflichkeit ist eine Zier, doch besser lebt sich ohne ihr.
Da der Spruch ja nun schon uralt ist, wird es dieses Problem wohl schon immer gegeben haben :- )
Adventliche Grüße
Lisbeth _________________ Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. |
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ripley
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 15.05.2010 Beiträge: 912 Wohnort: RLP
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Verfasst am: 16.12.2014, 11:18
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Und so manches Mal haben sie ja doch einen praktischen Nutzen, die Manieren.
Etwa, wenn das Großkind FRAGT, bevor es sich das nur noch Flüssigkeit enthaltende Gurkenglas an den Hals setzt. Und die Mutter dann - rechtzeitig - vom An-den-Hals-Setzen abraten kann, da das Glas eben keinen Gurkensud, sondern eine Urinprobe des Hundes enthält ...
 _________________ LG
Ellen |
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Syringa
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 14.01.2012 Beiträge: 117 Wohnort: Elbflorenz
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Verfasst am: 16.12.2014, 12:51
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Hundeurin, urgs...
Zu Hause ist Höflichkeit bei uns normal. Daß Pfiffikus fragen muß, wenn er z.B. etwas in meinem ureigensten Bereich - mein Arbeitszimmer mit allem, was dazugehört - machen möchte, habe ich ihm schon beigebracht, als er noch ganz klein war. Dort hat er nichts zu suchen, bzw. eben zu fragen, ob er reingehen, drin spielen oder etwas von meinem Schreibtisch oder aus meinem Bücherregal nehmen darf.
Auch grüßen, "bitte" und "danke" sagen ist im privaten Umfeld eine Selbstverständlichkeit und kein Inhalt von Diskussionen.
Aber halt in der Schule, da ist ein höfliches Kind offenbar so ein Exot, daß es von Seinesgleichen ausgelacht wird... _________________ LG, Syringa und Pfiffikus (03/08 ) |
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grünergeist Quiz-Gewinnerin

Anmeldungsdatum: 21.05.2005 Beiträge: 2644
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Verfasst am: 16.12.2014, 19:46
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Mir fällt gerade noch etwas zur Höflichkeit in der Schule ein: Geistleins Klassenlehrer hatte zur Fußball-WM solch Armbänder für alle mit gebracht, es war aber nur eins in Schwarz-Rot-Gold dabei. Alle Kinder brüllten durch einander "Ich will..." Krieg ich.." etc. Geistlein saß auf ihrem Platz, meldete sich, wartete bis sie drankam und fragte "Darf ich bitte das Deutschlandband haben?" - und bekam es ganz spontan sofort. _________________ Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. [George Orwell]
grünergeist |
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